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MEINE BISHERIGEN MEISTERWERKE:

Des Fehlerteufels Werk!

Obwohl ich fast täglich an meinen Texten hier auf dieser Homepage herumdoktere, wird sich der Fehlerteufel sicher ein Plätzchen einrichten. Was ich von ihm halte, habe ich in einem Ringelsatz verewigt. Wenn Sie ihm begegnen, tun Sie einfach so, als wäre er Luft. Ganz verscheuchen, lässt er sich wohl nie...

Hier segle ich mit Euch weiter durch die Welt meiner Bücher. Eine neue Seite voller Reiseberichte, Kopfkino pur, immer unterwegs zu neuen Ufern. Ein Ehrenerweis an die Kunst des Schreibens....und jedes Buch beginnt mit dem ersten Satz und endet mit dem letzten, und dazwischen kann ich mir alles vorstellen....

(47) Pfeffersackgesichter auf indisch (26.12.2023)

"Ich kann sie nicht mehr zählen, die Tage, die vergangen sind, seit ich vor den Schrecken von Vasco Mirandas wahnwitziger Festung in dem andalusischen Bergnest Benegeli geflohen bin." (1. Satz)

 

Moraes Zogoiby (Moor), der letzte Spross einer indischen Gewürzhändlerdynstie, erzählt mir seine Lebensgeschichte und die seiner Familie. Zeitraum: 1877 - 1990.

 

In langen ausschweifenden Sätzen voller sprachkreativer Ausdruckflammen kredenzt mir Rushdie seine Welt, Indien, fremd, weit weg und menschlich doch so nah, weil die Liebe halt überall zählt, egal wohin man wann geboren wird. Überall zwischen den Zeilen strömt mir der Geruch von Pfeffer entgegen und kribbelt mir in der Nase, und überall werden Liebessäfte produziert: Blut, Samen, Schweiß und Pisse.

 

"Es war ein unverkennbarer Geruch brennender Gewürze zu riechen...Kümmel, Koriander, Gelbwurz, Pfeffer, Chili, Knoblauch, Ingwer, Zimt...)

 

Nach 200 Seiten von 600 nähere ich mich meiner Zeit, was da wohl nocht kommt...

 

"...in einer besseren Zeit erfrischt und freudig zu erwachen." (Letzter Satz)

(46) Eine literarische Urgewalt, die einen mitreißt. (16.12.2023)

"Heute am 5. November beginne ich mit meinem Bericht."

(1. Satz)

 

Die Frau schreibt diesen Bericht nicht aus Freude am Schreiben, sie müsse schreiben, damit sie den Verstand nicht verliert. Überlebenswichtig ist ihr das Schreiben in der Bergwald-Einsiedelei. Schuld ist "Die Wand", die plötzlich vor ihr steht, wohr auch immer, ein naturkatastrophaler Supergu, ein Klimakrisenschock vielleicht, also aktueller denn je.

Die Illustrationen von Susanne Theumer sind mir zu düster, zu grau, sonst ist das Buch aber schön und bibliophil aufgemacht, wie die meisten, die von der Büchergilde Gutenberg herausgebracht werden. Der Name verpflichtet schon. 

 

"Ich war immer schon eine seßhafte Natur und fühlte mich zu hause am wohlsten." (Seite 9)

 

Ihr neues Zuhause auf unabsehbare Zeit ist der Bergwald in den Alpen, sie versucht sich einzurichten. Ich fühle mich der Ich-Erzählerin (Marlen Haushofer) sehr nahe. Ihr Schreibstil ist zwar sehr einfach und nüchtern, geht deshalb wohl auch so in Mark und Gebein.

 

"Seit ich im Wald lebe, merke ich nicht, dass ich älter werde." (S. 185)

 

Sie arbeitet und schreibt und kümmert sich um ihrer Tiere. Es passiert nicht viel, und doch belibt die Geschichte spannend bis zuletzt, weil es ums nackte Überleben geht in der Wildnis des Bergwaldes. Ich wünschte mir manchmal Kapitel, aber auch ohne habe ich ihn verschlungen. 

 

"Wenn sie nicht mehr zu sehen sind, werde ich auf die Lichtung gehen und die weiße Krähe füttern, sie wartet scho auf mich." (Letzter Satz)

 

 

(45) Was für ein schön gestaltetes Buch...(03.12.2023)

"Mit einem Fehler fing alles an!" (1. Satz)

 

Charles Bukowski: Säufer durch und durch, triebhaft und sexbesesen, ja, aber auch eine Art von natürlicher Sprachgewalt, urwüchsiger Erzählwucht, die mich fesselt. Herausragend auch die Illustrationen von Helge Leiberg...

 

Der Postzusteller Henry Chinaski alias Charles Bukowski "kotzt" seine Lebensabschnittsgeschichte aus, holt wirklich alles aus sich raus, getrieben auch von seinem Glauben an Gerechtigkeit, Sinn und Verstand, Liebe.

 

"Ich folgte dem Frauenarsch zwischen den Schreibtischen durch bis fast nach ganz hinten." (S. 198)

 

So redet und schreibt er halt, der Säufer mit dem Dauerständer...Mr. Postman...Er nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund. Trotzdem ist es große Schreibkunst/Literatur.

 

"Vielleicht schreibe ich einen Roman, dachte ich, und dann schrieb ich ihn." (Letzter Satz)

(44) Zauberhafte DDR-Liebesgeschichte                               von Paul und Skarlet (26.11.2023)

"Liebe Skarlet, das ist ein Brief aus dem Jenseits, aber Du bist eine der ganz  wenigen, denen ich zutraue, mit der makabren Situation umzugehen." (1. Satz)

 

Ich bin ganz zufällig auf dieses Buch und diese Autorin gestoßen, immer wieder Zufallsfunde in meinem öffentlichen Bücherschrank vor Ort. Dabei lasse ich mich oft von schönen, außergewöhnlichen Covern und schönen Buchgestaltungen verführen. Und natürlich von den Klappentexten, Wörter, die mich sofort anspringen oder auch nicht..."Eine souveräne Erzählerin mit viel Humor!" Humor und Sprachwitz, da rieche ich kreative Schreibe, wie ich sie mag. VOLLTREFFER!

 

Scarlet Bucklitsch geht auf 250 Seiten mit dieser Situation um, und wie, sage ich Euch! Ihr Sandkastenfreund Paul Langanke stirbt in der Mitte des Lebens ihr sozusagen aus den Fingern weg. Der Krebs ist schuld, Chemo, Morphium, das volle Programm des Dahinsterbens im Siechtum. Sie sitzt in der S-Bahn, auf dem Weg zu Judith und Lukas, Witwe und Halbwaisenbaby, das Kopfkino ist angeknipst. Paul ist noch keine sieben Stunden tot, wo ist er jetzt?

 

"Das Paradies? Aber wo war das? Auf Tenneriffa? Traumwetter, Traumstrände...Jede Nation ihr eigenes Paradies? Wo waren Janis Joplin und Jimi Hendrix hin gestorben?"

 

Skarlet und Paul waren wie Zwillingsgeschwister, fast ihr ganzes vierzigjähriges Leben haben sie zusammen verbracht, in der ehemaligen DDR, aber auch nach der Wende. Aber berührt haben sie sich nie, schreibt sie. Und stellt fest:

 

"...das Beste, was sie für ihn tun konnte, als er dahinsiechte, war, mit ihm zu lachen!"

 

Wir sind schon weiter durchgekommen durchs Leben, der Ruhestand wartet. Auch für uns gilt: "Alle sterben, auch die Löffelstöre." Irgendwann muss jeder die Löffel abgeben. Scarlet ist Pressefrau im Zoo, berühmt für die Löffelstörezucht ihres Zoodirektors...

 

Fazit: Ein einfühlsamer Roman, leicht, humorvoll, spritzig erzählt, für mich ganz große Schreibkunst, höchster Lesespaßfaktor. Ich will mehr von Kathrin Aehnlich lesen, meine öffentlichen Bücherwürmer werden sie sicher wieder anspülen an meinen unendlich langen Lesestrand.

 

"Und Matthias Seibt sah Scarlet durch seine verschmierten Brillengläser an, wandte sich zum Tresen und sagte: Zwei Tassen lauwarme Milche, bitte."

(Letzter Satz nach Pauls Beerdigung)

(43) Ein Holzhackerbub wäre der Erdmann sooo gern (24.11.23)

"Nichts schmeckt so gut, wie Dünnheit sich anfühlt!" (1. Satz)

 

Eine Woche im Leben des Drehbuchautors und Gagschreibers Markus Erdmann alias Heinz Strunk in Fiktion, aber so ähnlich stelle ich mir schon auch sein wirkliches Leben vor, wie es mal gewesen sein könnte vor der großen Erfolgswelle.

 

Es herrscht eine Affenhitze in Hamburg, Erdmann schleppt sich schwerfällig durch seine eher düsteren Tage: er fühlt sich einfach b...bescheiden.

 

"Mein grösster und in Wahrheit einiziger Wunsch: mit nacktem Oberkörper Holz hacken, ohne dass es scheiße aussieht."

 

Seine langjährige Beziehung mit Sonja ödet ihn an, er fühlt sich fett und hässlich, und seine Schreibideen lassen auch zu Wünschen übrig. Schaffens- und Lebenskrise! Aus diesem eher depressiven Sumpf wachsen die schönsten literarischen Knospen und Blüten dieses Romans. Heinz Strunk wie er leibt und lebt und wie ich ihn liebe. Der Sumpf lichtet sich von Seite zu Seite, dazu trägt auch Janna Schulze bei, die zufällig in sein Zugabteil tritt...

Für mich Lesespass vom ersten bis zum letzten Wort...Nachdem er mit Sonja Schluss gemacht hat, schreibt er den letzten Satz:

 

"Mein Gesicht wurde ganz heiß, ich war ins Leben abgetaucht, mein einziges Leben." 

(42) Macht Euch einfach schöne Gedanken... (18.05.2023)

"...dass wir alle ein Stück Lektro in uns tragen." (1. Satz)

 

1964 erschienen im Droemer Verlag, 2023 von meinem Schwager geschenkt bekommen. Immer wieder erstaunlich, wie Bücher mich finden, nach denen ich gar nicht suche...

 

Der Lektro ist ein Strichmännchen von hinterhältiger Kauzigkeit mit Dienstmütze, Nickelbrille und im Dienstanzug. Dieses Buch ist eine Art Comic, kreative, bebilderte Geschichten aus dem Alltag des Lektro. 

 

-da kommt noch was....-

 

"Und auch er selber war nichts anderes als ein schöner Gedanke und schwebte immer höher und höher, bis alles ganz sanft und durchichtig und mit einem unendlich feinen Klingen zu Ende ging." (Letzter Satz)

(41) Sei kein Frosch in Sachen Liebe (23.01.2023)

"Was findest du herrliches Wesen von einem Günter bloß an dieser erbärmlichen Ente aus Holz?" (1. Satz)

 

Günter Kastenfrosch gibt die Antwort: Weil ich sie liebe! Und zwar auf seine urgeigene selbstvolle Art. Auch als Frosch muss man dafür sorgen, dass man nicht zu kurz kommt.

 

Bei Janosch ist vieles klar und einfach, wenn auch oft mit einem kniependen Auge. Ich liebe die Tigerente jetzt auch, und den Humor von Herrn Horst Eckert alias JANOSCH.

Der Übergünter baut seiner Tigerente natürlich auch ein Schloß bzw. stellt er seinen Karton oder Kasten zur Verfügung. Aber sie muss trotzdem draußen schlafen, weil darin nur Platz für Günter ist.

Günter, der absolute Froschkönig, stellt natürlich die Sinnfrage, also was der Sinn des Lebens ist. Die Antwort gibt ein Vogel: FLIEGEN. Damit kann Günter gut leben, denn seine Lieblingsspeise sind Fliegen....

Günter hat natürlich auch den Tiger im Eifersuchtstank. Gut dass seine Tigerente eine Leine hat also Leinenzwang besteht.

 

Fazit: Die Liebe ist doch das schönste und größte im Leben...

 

"Wetten?! Und nichts, nichts kann uns mehr trennen."

(Letzter Satz)

(40) Hackevoll, oh Gott oh Gott! (20.01.2023)

"Diese ganze seltsame Geschichte begann mit einer Reise, die ich unternahm." (1. Satz)

 

Und ich sprang auf den Zug und machte sie einfach mit, diese seltsame Reise. Links im grauen Mantel, das ist übrigens Gott, der ältere Herr, daneben Herr Hacke, ich lauf etwas vor und aus dem Bild, führe Hackes namenlosen "Büro-Elefanten" an der Leine, lausche den philosophischen Gesprächen hinter mir. Die Katze steckt dem Hund gerade ne Fluppe an, vom Illustrator Michael Sowa wunderschön surreal ins Bild gesetzt.

 

"Eines Tages werdet ihr Menschen weg sein", prophezeit Gott, "aber die Welt wird noch da sein."  

Dieser spielerische Umgang mit Gott Vater gefällt mir sehr, ich amüsiere mich köstlich mit den beiden.  Am Ende fühle ich mich darin bestärkt, dass Gott auch nur ein Mensch ist und nicht verstehen kann, warum der Mensch ihn so ernst nimmt. Jedenfalls liebt er bayerisches Bier und Wein und er trinkt sich gern einen mit Hacke...Die sind sozusagen ab und zu hackevoll. Ich auch.

 

"Lächelnd und entschlossen ging ich wieder an die Arbeit." (Letzter Satz)

 

 

(39) Ich finde es anständig, über Anstand nachzudenken. (07.12.2023)

"Ich sitze mit einem Freund abends in der Kneipe, der Wirt kommt an den Tisch, wir hätten gern zwei Bier..."

(1. Satz)

 

Wie anständig ist es, ein Bier zu trinken, bei dessen Herstellung die Umwelt verschmutzt, ausgebeutet wird?

Das fragt sich Axel Hacke und sein Freund und weiter:

Wie kann man ein anständiger Mensch bleiben im Trubel der Zeit? Für mich ist das schon lange klar, ich will weiter Tag für Tag an der Umsetzung arbeiten:

Ich will lieben statt hassen, schaffen statt zerstören, fördern, nicht bremsen, begeistern nicht jammern, leuchten nicht verdunkeln...

 

Es gibt doch so viel Schönes zu entdecken, zu erleben. Danke Leben!

 

"Jedenfalls Respekt und den Versuch, zu verstehen, Anerkennung, Rücksicht, Wohlwollen, Freundlichkeit und jene Solidarität, die Grundlage dessen ist, was wir den menschlichen Anstand nennen könnten." (Letzter Satz)

(38) Alle Bilder werden verschwinden... (13.12.2022)

"Man wird uns vergessen, das ist unser Los." (1. Satz)

 

Aber auch im Zeitalter des Digitalismus? Das Netz vergisst nichts, heisst es doch, solange wir genug unter Strom stehen...

Ich stehe auch noch unter Strom, ohne stromlinienförmig zu sein.

 

Die Jahre, ihre Jahre, die Annie Ernaux in Worte fasst, tun mir gut. Sind auch ein paar von mir dabei, von meinen Erzeugern, immerhin ist Madame Ernaux fast 20 Jahre älter als ich.  Ein Nachkriegskind, ich dagegen bin schon ein kleines Wirtschaftswunder. Ich bleibe ganz Ohr, und Madame mein Sprachrohr..

 

"Draußen herrschte Krieg, drinnen machte man es sich gemütlich."

 

Damals wie heute mit Putins Krieg auch, so nah, und doch noch fern genug, um weiter kuscheln zu können...Klimawandel...das gleiche Schema. Der Mensch ein Kuscheltier, der Heile-Welt-Typus. Ich bins ja auch. Aber die wilden Bestien sterben auch nie aus!

 

"Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird." (Letzter Satz)

(37) Die Vergangenheit klopft an (23.11.2022)

"Seit einer Stunde lag er im Bett und konnte nicht einschlafen." (1. Satz)

 

Es klopft immer wieder an, das schlechte Gewissen, bei Dr. Manuel Ritter, und zwar im Ton eines Tinitus, den er als sehr erfolgreicher HNO-Arzt in Zürich normlerweise zu heilen oder zu lindern versucht. Wie schon im "Gleis 4" beginnt Franz Hohler auch diesen Roman im Zug, auf dem Bahnhof, muss wohl eine besondere Anziehungskraft vorliegen. Jedenfalls läuft dem erfolgreichen Doc dort eine Frau über den Weg, die ein Kind von ihm haben will. Kriegt sie, einige Tage später in seiner Praxis, ein One-Day-Stay. 20 Jahre später holt ihn die Vergangenheit ein, stellt ihn sozusagen zur Rede vor versammelter Mannschaft (Familie: Frau, Tochter, Sohn, Schwiegertochter und Tochter Manuela aus dem "One-day-stand".

 

"Ich muss mit Euch sprechen." (Letzter Satz)

 

Ein gut lesbarer, spannender, unterhaltsamer und auch lehrreicher Beziehungsroman, ein typischer Hohler, handwerklich, nüchtern aber voller kreativer Handlungsideen und Überraschungen und hier und da auch mit Sprachwitz und Humor.

 

(36) Ein gelungenes Buch über das gelungene Leben (14.09.22)

"Ich solle in meiner Rede etwas über das gelungene Leben sagen, haben sie mir gesagt, das gelungene Leben."

                                                                       (1. Satz)

 

Walter Wemut ist ein Nachrufeschreiberling, um die sechzig, soll jetzt aber eine Rede halten zum 80igsten Geburtstag einer Freundin über deren wohl gelungenes Leben. Was ist ein gelungenes Leben, fragt er sich und denkt darüber nach auf fast 300 Seiten, ein eloquenter, frischer Monolog über  das Leben, poetisch, witzig und klug. Die Schreibe und Denke erinnert mich etwas an den so geliebten Roger Willemsen. Ein Buch, ein Text wie gemalt. Und auch so lebensweise. Eine große Quelle der gedanklichen Inspiration.

 

"Notieren Sie sich folgende Stichwörter: Staunen, Respekt, Zärtlichkeit...Und suchen Sie sich einen Friseur, den Sie richtig mögen, und der Sie mag." (Letzter Satz)

(35) Achtung! Baum fällt! Oder doch nicht?" (12.06.2022)

"Aus zweiunddreißig Metern blicke ich auf sie hinab und sehe ihrem Treiben zu." (1. Satz)

 

Schreibt die Platane auf dem Marktplatz in einem südfranz. Dorf am 1. März. Sie hat das erste und das letzte Wort in diesem bezaubernden Roman. Einige andere Dorfbewohner haben auch ihren Auftritt. Clemont Pujal, der Schuljunge, Adeline und Violette Bonnafay, die Kriegswitwenschwestern Ü90, Suzanne Fabre, die Dorfcafewirtin, Manu, der Artischockenmarktverkäufer, Raphael Costes, der Patient des Psychologen vor Ort und Francois Lebrun, der Gemeindearbeiter, der die Baumfällung ausführen soll. Befehl von ganz oben, vom Bürgermeister!

Sie aus dem ersten Satz ist Fanny Bidal, eine schöne Frau natürlich mit einer Liebschaft, die nicht glatt läuft. Die Liebe zu der pflanzlichen Dorfschönheit aber verbindet alle, zieht auch den Leser mit in den aufkeimenden Widerstandskampf ein. Er dauert ca. einen Monat. Und dann? 

 

"Fanny entfernt sich von der Gruppe, hebt ihr Glas und lächelt mich (die Platane) an."

(Letzter Satz)

(34) Ein Bergbauerndorf in den österreischen Alpen im 19. Jahrhundert ist kein Zuckerschlecken. (23.03.2022)

"Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der 22jährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen."

 

Hört sich traurig an, der Bruder des Schlafes ist der Tod. Schlafes Bruder eben, eine Lebensmüdigkeit für immer, die das Leben über einen Menschen ausschütten kann, das karge, harte Leben in dem Bergbauerndorf Eschberg in den Alpen im 19. Jahrhundert.

 

Johannes Elias Alder ist ein musikalisches Wunderkind und eine der wenigen Lichtgestalten in Eschberg, leider dort nur völlig fehl am Platz. Die Eschberger Dorfgemeinschaft ist mit Arbeit und dem Kampf ums Überleben reichlich bedient, für musikalische Feinheiten haben sie kein Ohr, wohl aber eine Orgel, eine Kirchenorgel, und da orgelt sich Elias ab, er hört feiner, genauer hin. Jeder Ton ist Musik in seinen Ohren. Und Cousine Elsbeth früh seine große Liebe, er betet sie an, weil ihr Herz im Gleichklang ist mit seinem. Man hofft und hofft beim Lesen dieser spannenden, außergewöhnlichen Lebensgeschichte bis zum Schluß, fiebert mit, eine magische Zeitreise zurück in eine naturgewaltige derbe Vergangenheit. Auch die Sprache des Erzählers ist derb und direkt, alte Wörter tauchen auf und ab, Auf- und Abgründe menschlichen Verhaltens und menschlicher Denke, ein kreatives Sprachspiel aus alten Zeiten. Die Themen Liebe, Tod, Musik, Kunst und auch die Kunst zu überleben in einer kargen Umgebung bleibt ewig jung.

Wir wollen doch alle nur ein wenig Glück, Freude und Schönheit im Leben erleben. Elias Alder schafft das oft, aber nicht immer. Und am Ende passiert das, was uns allen irgendwann passiert: er legt sich einfach schlafen. Aus die Maus!

(33) Findelkind, Hurensohn,  Straßenjunge, Waldläufer, Dorfheld...Homer Idlewilde ist einfach eine Kanone...(13.03.2022)

"Homer, komm da raus!" (1. Satz)

 

Homer Idlewilde ist Huck Finn aus Tom Sayers Abenteuergeschichte von Mark Twain sehr ähnlich, lebt aber nicht in den Südstaaten sondern in FARRAGO, einer Kleinstadt nahe der Ostküste, in einem verlassenen Nest, so kann man es wohl nennen. FARRAGO ist aber das Zentrum der Welt, jedenfalls für meinen Romanhelden und seine Gefolgsleute. Es tut gut in (Kriegs)Zeiten wie diesen, sich in so einen menschlichen Mikrokosmos zurückziehen zu können. Homer besitzt so wenig, ist trotzdem so reich an Kreativität und positiver Energie, er lebt  ein glückliches, ausgefülltes Leben. Wie entartet erscheinen mir ihm gegenüber die Lebensentwürfe von Kriegsverbrechern und Massenmördern!!!

 

Als Baby wird Homer irgendwem in Farrago vor die Tür gelegt, Vater weg, Mutter mit ihrem eigenen Leben als Prostituierte überfordert, kein Interesse an ihrem Blagen. Er wird durch verschiedene Pflegefamlien geschleust, hält es nie lange aus. Als er groß genug ist, türmt er, lebt wie ein Tier in den Wäldern um Farrago, die Zivilisation aber stets in Reichweite. Er macht sich feindlche Freunde und freundschaftliche Feinde, der Dorfsheriff und der Dorfpfaffe haben reichlich unter seinen Streichen zu leiden, Duke, der Schrotthändler, Elias, der Schmied und Fausto aus dem Dorfladen sowie die Bordellbelegschaft werden seine Familie, die ihn durch sein junges Leben trägt. Die Nutte Orphelia mit den sagenhaften Brüsten wird seine Frau und Mutter seines Kindes. Am Ende ist Homer ein richtiger Held und wird sogar zum Dorfförster berufen. Ende gut, alles gut? Mitnichten. Oder besser: man weiß es noch nicht so richtig. 

Fazit: Ein Leben ohne Eltern kann durchaus spannend sein und glücklich machen, wenn einem die richtigen Leute über den Weg laufen. Der Roman ist ein großer Hoffnungsschimmer, auch ein großer literarischer Wurf. Lesen! Unbedingt lesen. 

 

"Da legten sich Orphelias Hände auf meine Augen." (Letzter Satz)

(32) Wien und Paris 1771, ein Doktor und eine blinde Pianistin (10.02.2022)

"An diesem Wintermorgen geht der wohl bekannteste Arzt der Stadt, verfolgt von seinem Hund, die Treppe vom Schlaftrakt zu seinen Praxisräumen hinab." (1. Satz)

 

Und schon stehe ich mittendrin im Jahr 1771, obwohl ich eigentlich gar keine historischen Romane lesen mag. Aber bei diesem Arztroman ist sowieso alles anders und ziemlich besonders und einzigartig.

 

Der schon etwas modernere "Medicus" Franz Anton Mesmer aus Wien hat eine neue Heilmethode mit energetischen Kräften entwickelt: er versucht der Magnetismus heilbringend einzusetzen. Er soll auch das blinde, musikalische Wunderkind Maria Theresia Paradis sehend machen, also ein magnetisches Wunder vollbringen. Die Anziehungskraft zwischen den beiden und die dazugehörige Gesprächstherapie zeitigen auch Erfolge, doch der Erfolg und die Beziehung des Arztes zu seinen Patienten und zu seiner heiltherapeutischen Vision werden arg auf die Probe gestellt. Die Dummheit und Scheuklappenmentalität vieler Zeitgenossen wird wie so oft zum Störenfried. Ein glükliches Ende oder doch nur ein offenes, man weiß es nicht genau, aber man fühlt es. 

 

Poetisch und trotzdem bestechend klarsichtig, von besonderer Sprachmagie, kein Wort zu viel, aber viele schöne Worte, ein großer Lesegenuss, literarisch sehr ergiebig. Unbedingt zweimal lesen, mindestens!

 

"Place Vendôme No. 16, der Kutscher hatte verstanden." (Letzter Satz)

(31) Von den leisen Tönen des Lebens...(29.01.2022)

"Es war ein höchst ungewöhnlicher Telefonanruf, der mich in diesen Tagen erreichte."  (einer der ersten Sätze)

 

Ein Buch für kurze Leseaugenbicke zwischendurch, eine Art Lektüre für Minuten während meiner Zeit als REHA(SE) in der ambulanten Reha in Paderborn täglich, drei Wochen lang! Peter Bachér schenkt mir leise Töne, die zum Nachdenken anregen, die Gedanken antreiben, meinen Geist schweben lassen, mich zu eigenen schriftlichen Kommentaren anregen. 

 

"Wer nicht treu ist, ist untreu, und wer untreu ist, gilt als wortbrüchig, wankelmütig, abtrünnig, ehrlos."

 

Recht hat er, man muss sich auf seine Liebe verlassen können, im besten Fall auf ewig. Auch schön, dass ihr da draußen mir als Schreiberling die Treue haltet...

 

"Aber wenn man an einem solchen Tag (80. Geburtstag) nicht über die Quintessenz (Liebe seines Lebens) spricht, wann denn dann?" (Letzter Satz)

(30) Ein Erstling mit Vorschusslorbeeren (28.12.2021)

"Das ist die Geschichte der dänischen Träume, und es ist ein Protokoll dessen, war wir in diesem 20. Jahrhundert gefürchet, geträumt, gehofft und erwartet haben."

 

Und ich darf mittendrin dabei sein...Dies ist der Erstling des Schöpfers von "Smillas Gespür für Schnee" (das Buch habe ich wie Millionen Anderer verschlungen vor gefühlten Urzeiten) und er soll einer der größten Romane der modernen Lietratur sein, so steht es auf dem Cover hinten zu lesen. Der Bücherschrank in Bosenholz hat mir dieses Buch angespült, ich bin sehr neugierig.

 

-Fortsetzung folgt-

(29) Wer denken kann, ist klar im Vorteil (19.12.2021)

"Die Lebenkunst geht mit einer Ethik der Sorge einher, die außer der Seelsorge eines ICHs für sich auch die Sorge für andere umfasst." (aus dem Vorwort)

 

Meine holde Gattin hat mir dieses Buch empfohlen, der Begriff im Untertitel "Philosphischer Seelsorger" hat mich neugierig gemacht. Endlich mal eine Seelsorge ohne religiösen Mumpitz, wer denken kann, ist klar im Vorteil, wenn es darum geht, das Leben zu verstehen und darin sein Glück zu finden, das leuchtet mir ein. Ich habe gerade das Vorwort gelesen und bin gespannt, was der Philosophieprofessor aus Berlin in einem Krankenhaus als frei denkender Seelsorger über einen Zeitraum von zehn Jahren ausrichten konnte. Schließlich will auch ich das Leben verstehen mit Hilfe von Büchern, die für mich ja auch Seelsorger sind.

Auf jeden Fall verstehe ich die Schreibe des Philosophen sehr gut. Ich bin fast durch mit ihm, und wenn ich so zurückblättere, ist fast alles textgemarkert und/oder unterstrichen. Wilhelm Schmid schreibt mir aus der Seele und aus dem Kopf. Dieses Buch bestärkt mich in meiner eigenen Denke und Fühle über das Leben. Es tut gut, so kluge Worte einer glasklaren Denke zu lesen, es tut immer wieder gut, über das Leben und dessen Sinn zu philosophieren. 

 

"Wo Sinnlosigkeit ist, herrscht Kraftlosigkeit, Sinn hingegen gibt Kraft und wirkt wie ein Immunsystem gegen Gefahren aller Art." (Seite 281)

 

Es macht mich glücklich, eigenständig zu denken, dass ich den Mut dazu gefunden habe, verdanke ich Hermann Hesse zu Teenagerzeiten und der Begegnung mit der Frau meines Lebens, die mich mit ihm bekannt gemacht hat. Auch den Aufklärern als Vorreiter sei Dank, die sich der abergläubischen Knebel der christlichen Weltanschauung entzogen:

 

HABE MUT, DICH DEINES EIGENEN VERSTANDES ZU BEDIENEN! 

 

Auch so ein kluger Denker Philosoph wie Wilhelm Schmid stellt die Sorge für das eigene Selbst jeder Sorge für das größere Ganze voran, sonst wäre er ja auch kein kluger Denker. Es wäre einfach schön und die Lösung aller menschlichen Probleme, wenn man sich auf ein größtmögliches Palaver einigen könnte und nicht eher aufhört zu reden, zu denken, zu diskutieren, bis eine einvernehmliche Lösung gefunden ist oder man einfach das Problem weggeredet hat. Überall auf der Welt müssten kluge Denker als Mediatoren und Schlichter eingesetzt werden. Das Problem wird weiterhin sein, dass viel zu viele nicht bereit sind zu offenen Gesprächen, sondern mangels Weisheit und Einsicht lieber Fäuste, Knüppel und Kanonen sprechen lassen.

 

PHILOSOPHISCHE SEELSORGER BRAUCHT DIE WELT UND JEDE POLITISCHE FÜHRUNG!

(Schluss) Wort zum heutigen Dienstag...

(28) Archie Ferguson und seine vier Leben (27.11.2021)

"Der Familienlegende zufolge verließ Fergusons Großvater, versehen mit hundert Rubel, die ins Futter seines Jacketts eingenäht waren, Minsk, gelangte über Warschau und Berlin nach Hamburg und buchte dort die Überfahrtauf einem Schiff namens "Kaiserin von China", das bei rauhen Winterstürmen den Atlantik überquerte und am ersten Tag des zwanzigsten Jahrhunderts in den Newe Yorker Hafen einlief." (1. Satz)

 

Einer der längsten ersten Sätze, der mir je die Lesestirn geboten hat und sie von Anfang an in Falten legt, denn das Taschenbuch ist fast 1300 Seiten lang und schwer, ein echter Schmöker und eine literarische Herusforderung. Jetzt habe ich die Hälfte gelesen, Zeit dazu etwas wieder rauszulassen über die vier Lebensvarianten des Archie Ferguson, mein aktueller Romanheld, der mich mitnimmt auf seine spannende, wunderbare Reise durch sein junges Leben. Auster ist da ein Meisterwerk gelungen, wie es mir noch nie begegnet ist, das kann ich nach der Hälfte dieses literarischen Ungetüms schon schreiben: Ein Wahnsinn, wie ein menschliches Hirn soetwas raushauen kann. Eine Konstante in allen vier Lebensvariationen ist der angehende Schriftsteller Archie Ferguson, und das gefällt mir natürlich besonders gut und hilft mir, bei der (Lese) Stange zu bleiben. Im Moment so zwischen Seite 900 und 1000 weilt Archie in Paris, eine Art Auslandssemester bei Vivian, einer Freundin seines Stiefvaters Gil. Er lernt Französisch und die Pariser Kulturszene kennen, und die Weltliteratur, er liest wirklich sehr viel, schreibt seinen ersten sehr autobiografisch gefärbten Roman, findet auch sofort einen Verlag, der ihn groß herausbringen will. Nur in der Liebe läuft es nicht ganz so gut. Amy geht andere Wege, entwickelt sich in eine andere Richtung. In dieser Lebensvariante liebt Archie auch Männer, er hält sich alles offen. Lauter offene Türen! Und auch Paul Auster hält sich alle Türen für Archie offen, als dieser versucht, Vivian für sich einzuordnen:

 

"Der Mensch, der er hätte sein können, wäre er als Mädchen geboren worden."

 

Diese Lebensvariation könnte der Autor vielleicht noch nachreichen...Aber das wäre wohl des Guten zu viel, mir reichen diese vier voll und ganz. Ich mag es lieber, wenn mein Romanheld klar und deutlich und einzigartig auftritt. Ich habe doch schließlich auch nur ein Leben, mein Leben. 

 

Ich habe fertig...1969 lasse ich Archie Ferguson im Alter von 22 Jahren ziehen, ich wünsche ihm viel Glück und Erfolg in der Liebe und in seinem Schaffen als Schreiberling. Ich bin sicher, das war noch nicht das letzte Wort von Paul Auster an mich.

 

"...von dem Geld zu leben, um weiter schreiben zu können." (einer der letzten Sätze)

 

Wer eine andere, sehr ausführliche Rezension noch lesen möchte, hier meine Entdeckung dazu:

 

(dieschreibmaschine.net)

 

 

(27) New York - zerbrechlich wie Glas...(19.11.2021)

"Mit einer falschen Nummer fing alles an..." (1. Satz)

 

Vielleicht war Daniel Quinn aus New York noch etwas benebelt durch den Verlust von Frau und Sohn bei einem tragischen Unfall, vielleicht kam ihm diese Ablenkung auch sehr gelegen, jedenfalls lässt sich der nicht unerfolgreiche Krimiautor in etwas hineinziehen, dass ihm am Ende schlecht bekommt. Er stülpt sich gedrängtermaßen die Identität des Privatschnüfflers Paul Auster über, übernimmt den Observationsauftrag Peter Stilman, eine Art studierter Quer- und Extremdenker mit krimineller Vergangenheit, Und damit nimmt Quinns Schicksal seinen tragischen, donchijoten Verlauf.

Dieser Auster-Roman ist ein Spielchen mit menschlichen Identitäten, wer bin, wer könnte ich sein, warum bin sich so, und warum geht es anderen auch nicht besser? Der Autor beweist Einfallsreichtum und versteht es, ein Netz aus Erzählfäden zu spinnen, die in diesem Fall "Daniel Quinn" in kein glücklches Ende führen. Der Romanheld liegt zum Schluß am Boden, aber et atmet noch.

 

"Quinn wird immer bei mir sein, und wohin immer er auch verschwunden sein mag, ich wünsche ihm Glück", sagt der Autor selbst in seinem letzten Satz, kann ich unterschreiben.

(26) Die Mitte der Welt ist beste Leseschule                              nicht nur für jeden Teenager...(03.11.21)

"Eines nasskalten Aprilmorgens bestieg Glass ... einen Ozeanriesen, der im Hafen von Boston zum Auslaufen nach Europa bereit lag." (1. Satz)

 

...und Glass ist 17 Jahre jung und im 9. Monat schwanger. Tante Stella vererbt ihr in Süddeutschland ein großes Haus, schlossähnlich, genannt "VISIBLE". Hier plumpsen die Zwillinge Phil und Dianne sozusagen ins Leben. Und von den ersten 18 erzählt dieser Jugendroman. Das Besondere an der Geschichte: Phil ist schwul. Und trotzdem spielt es eigentlich keine Rolle, seine Beziehungskisten schon: zu seiner Lebensfreundin Kat, zu Schwester Dianne, zu Mutter Glass, zu seinen "Ersatzvätern" und letztlich auch zu seiner ersten großen Liebe Nicholas, dem Läufer. Am Ende, ja was da wohl steht, das verrate ich natürlich nicht, man wird süchtig danach. Der Lesespaß dieses Jugendbuches ist gigantisch, auch in meinem Rentenalter, und die literarische Strahlkraft so stark wie in "Tschick" von Wolfgang Herrndorf. Teenager dieser Welt, lest "Tschick" und "Die Mitte der Welt", das ist die beste Leseschule fürs Leben...

 

"Es ist das Gefühl von Leben in Bewegung." (Letzter Satz)

(25) Wäre ich Du, würde ich dieses Buch lesen. (21.09.21)

"Jedem Anfang wohnt ein Ende inne." (1. Satz)

 

Ja, so schlaue Sprüche hat der Horst Evers drauf, und lustig und sehr kreativ sind seine Geschichten aus dem Alltag auch. Ist ja hauptberuftlich Kabarettist. Normalerweise finde ich Geschriebenes von Witzfiguren aus dem Fernsehen nicht so lesenswert, aber bei diesen fast hundert Kurzgeschichten ist das anders. Auf was für Ideen der kommt - der ganze normale Wahnsinn im Alltag wird hier auf die Spitze getrieben. Meine Lieblingsgeschichte ist "Die Drohung" oder wie ich sie umbenannt habe: "Wenn Tiere anfangen zu singen." Darin geht es um Leichen, Tierleichen, genauer um tote Mäuse auf der Fußmatte vor der Wohnungstür. Hildegard von Bingen, die verhaltensgestörte Katze der Nachbarin, ist schuld, nicht wie erst vermutet, die örtliche Mafia. Da hilft am Ende entweder nur  der Tierarzt (Einschläfern) oder der Katzenflüsterer (Katzentherapeut). Fazit dieser Geschichte:

 

"Außerdem kennen Lebende den Tod doch ohnehin nur vom Hörensagen."

 

Wichtig bleibt, dass auch Tiere ein halbweg schönes, artgerechtes Leben führen können...

 

Locker, leichter Lesespaß auf hohem Kreativschreibniveau. Ich liebe diese Art von Literatur!

 

"Ein gutes Gefühl, irgendwie doch nicht allein zu sein." (Letzter Satz)

(24) Erinnern und Vergessen...(05.09.2021)

"Großmutter hat ein Mädchen auf der Straße gesehen." (1.Satz)

 

Stanisics Großmutter ist 87 Jahre alt, altersdement, wir schreiben das Jahr 2018. Das Mädchen, was sie auf der Straße sieht, ist 11 Jahre alt und sie selbst, eigentlich nur in ihrem Kopf. Mir wird sofort deutlich: Leben ist Erinnern und Vergessen. Die Frage nach der Herkunft ist für Autor und mich als Leser eine spannende Reise in die Vergangenheit.

 

Herkunft ist Zufall, man wird irgendwo irgendwann geboren. Und dann muss du sehen, wo und wie du bleibst. 

 

Stanisics Familie flieht vor dem Bosnienkrieg. Jugoslawien bricht auseinander. Er ist 10 Jahre alt, als er nach Deutschland kommt. Er spricht kein einziges Wort Deutsch. Jahre später schreibt er ganze Bücher auf Deutsch. Deutsch wird seine Muttersprache, Deutschland seine neue Heimat. Ohne Sprache funktioniert Migration nicht, mit bestens.

 

Beim Lesen dieses Romans habe ich immer auch an meine Herkunft denken müssen. Ich musste nicht vor einem Krieg fliehen, ich bin eher vor der geistigen Beengtheit meiner Familie in der Provinz geflüchtet. Auch das ist eine lange Geschichte, die ich vielleicht einmal aufschreiben.

 

"Herkunft" ist ein großes Leseerlebnis, ein besonderes Stück Literatur, eine Reise zu sich selbst. UNBEDINGT LESEN!

 

"Die Sprache wird weiter fließen.  Einer wird überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich."

(vorvorletzter Satz)

(23) Paul kann man nur über den Klee loben...(05.05.21)

"Es waren zwei Sekunden, die das Unglück brauchte."

(1. Satz)

 

Paul Klee, der Chauffeur, nicht der Maler, wird schuldlos in einen Autounfall verwickelt, der seinen Lebensweg in der Mitte des Lebens (43) völlig neu ausrichtet. Richtungswechsel! Er wird entlassen vom zukünftigen Kanzler der Republik, weil er IHM das Leben rettet und nicht das eines kleinen Jungen. Klare ethische Verfehlung Klees, urteilt die öffentliche Meinung. Gott sei Dank kann ich als Leser nur sagen, denn die Geschichte, die danach folgt, fesselt mich wie keine andere.

Klee muss sich damit abfinden, er findet sich damit ab und wird fürstlich abgefunden. Mit der Abfindung erfüllt er sich einen Lebenstraum: er kauft ein Haus in schöner, ruhiger Natur irgendwo im Schwabenland und macht daraus das HOTEL "ZUR KLEINEN NACHT".

 

"...er sei verliebt. Verliebt in einen Ort. Und wie man so sagt: auf den ersten Blick."

 

Und dann auch ganz schnell in die Immobilien-Frau Sander, Inoue, eine schöne, japanische Mathematikerin, die beiden werden ein Paar, privat und geschäftlich, erleben viele kleine Nächte in dem gemeinsamen Hotelprojekt der besonderen Art:

 

"Es galt hier, dass die Zeit heilig sei. Und die Gäste zu keinerlei Eile getrieben werden durften."

 

Frau Sander bringt die Zwillinge Ingrid und Uwe mit in die großen Tage auf dem Zauberberg der kleinen Nächte. Und die Zwillinge hauchen dem Roman künstlerische Freiheiten und Ideen ein. Auf was für Ideen die kommen!!! Da würde man als Leser nie drauf kommen.

 

Und dann entwickelt sich der Roman zu einem echten Kriminalfall, der Paul Klees detektivischen Spürsinn entfacht. Es geht um eine eiskalte Killerin. 

 

Der Roman macht unglaublich viel Spaß beim Lesen, man wird immerwieder überrascht, auch wenn die Glaubwürdigkeit der Handlung oft grenzwertig ist. Der Autor sichert sich mit dem Zitat von NOVALIS ab:

 

"Der Zufall sei nicht unergründlich, er habe seine Regelmäßigkeit."

 

Das passt.  Mein Fazit: Unbedingt lesen, einizgartiges, kreatives, spannendes und sehr unterhaltsames Stück Literatur. Der Literatur Checker Dennis Scheck hat recht uf dem Cover: "Heinrich Steinfest schreibt die amüsanteste und intelligenteste Litertur der Gegenwart."

 

"Klee hörte, wie der Mann im Tonfall dieses Lächelns ein einziges Wort sagte: ENDE!"

(Letzter Satz)

(22) Er kommt mit. Sie kommt mit. Ich komme mit. Alle kommen mit...(18.02.2021)

"Elsie lacht, wenn ich sie aufs Ohr küsse" (1. Satz)

 

Das sagt Lazar Laval, genannt Lazy, 21 Jahre jung und noch nicht leukämiekrank. Elsie und Lazy sind verliebt bis über beide Ohren, und die Autorin in ihre Sprache, ihre Schreibe, ich auch. Jeder Satz ein Volltreffer!

 

"Seit sie bei mir ist, bin ich nicht mehr bei mir, ich bin außer mir."

 

Um so heftiger der Schock für ihn und den Leser durch die Diagnose: Blutkrebs mit allem Drum und Dran. Chemo, die volle Dröhnung samt Nebenwirkungen und mit nur mäßigem bis gar keinem Erfolg. 

 

Angelika Waldis erzählt die eher traurige Geschichte mit viel Witz und Komik, Erzähl- und Sprachkunst vom Feinsten, abwechselnd aus der Perspektive des Lazy Laval und der Vita Maier, 72 Jahre, verwitwet, sie sind Nachbarn im Mietshaus Torstraße 6 in Zürich. Sie laufen sich sozusagen über den Weg. Eines Tages sitzt er auf der Treppe, mit den Kräften am Ende nach einem Spitalaufenthalt, kein Schlüssel für seine WG-Wohnung mit Juan. Sie nimmt ihn mit, Brotzeit, sie beginnt, ihn aufzupeppeln, die einsame Alte und der bedürftige, körper- und seleenkranke Junge. Er nennt sie nicht Vita, sondern beim Nachnamen: "MAIER" mit ai. Lazy schläft zwei Stunden im Ohrensessel der Frau Maier, so kaputt ist er vom Spitalaufenthalt nach Chemotherapie. 

 

"Vita betrachtet den jungen Mann, von Kopf bis Fuß, so als wäre er ein Sessel, und der Sessel wär zu kaufen. Er gefällt ihr."

 

Vita ist etwas lebensmüde, da kommt ihr dieser junge, todkranke, aber intelligente Mann gerade recht. Sie kommen richtig gut ins Gespräch, in knappe, geistreiche Minigespräche:

 

"Wie geht's", sagt Maier.

"Maier, das hast du schon mal gesagt."

"Vielleicht schlägt jetzt bei mir Alzheimer zu."

"Ja, das Leben ist gefährlich."

"Keiner kommt lebend raus."

 

Sie werden beste Freunde, er zieht sogar bei ihr ein wie ein Sohn, den sie bemuttern kann, aber auf Augenhöhe. Mit Lazys letzten Kräften machen sie eine Reise zu einer Ausgrabung in Syrien, der Junge will den alten Fuchs nochmal sehen. Er sieht ihn. Der Preis: körperlicher und seelischer Zusammenbruch. Sie beschließen zu gehen, Vita sagt: "ICH KOMME MIT!" Die ewigen Jagdgründe sind gemeint. Sie planen ihre letzte Reise akribisch. Ich versteh es nicht, gerade jetzt auf dem Höhepunkt ihrer Freundschaft. Ich hoffe und bange bis zum Schluss. Diese Geschichte darf nicht mit einer doppelten Selbsttötung enden. Tut sie auch nicht, durchatmen. Lazy ist einfach zu krank dafür. 

 

"Reise verschoben", sagt Vita, "erst wird noch gelebt!"

 

Ach ja, habe ich ganz vergessen, da gibt es noch ein schönes türkisches Mädchen, Aydan, sie legt ihm eine winzige, verschnürte Schachtel in die Hand im Krankenbett, als sie ihn besucht. Unsere aller Hoffnung stirbt zuletzt. Gut so. So kann ich das Buch zur Seite legen.

 

"Wenn's mir besser geht, werd ich sie öffnen." (Letzter Satz)

(21) Immer der Schönheit des Lebens hinterher! (09.02.2021)

"Na, mal wieder die Mutter besuchen?" (1. Satz)

 

Ja, zurück zu den Wurzeln gräbt sich der schauspielernde Schriftsteller durch die zu versteinern drohende Vergangenheit. Der Apfelbaum wurzelt tief in seiner Familie, steht standhaft in seiner Erinnerung an Kinheit und Jugend und Erwachsensein seinen Mann. 

 

"Bei mir hat es sich ausgeheimatet"

 

Die Worte eines Mitgefangenen in russischem Arbeitslager, die Berkels Vater, Dr. Otto Berkel, in sich rein frisst. Fern ab dessen, was sein Leben mal ausgemacht hat. Derweil Sala Nohl, Berkels Mutter, in der Weltgeschichte rumflieht vor dem judenhassenden Ungeheuer der deutschen Heimat. Sie klagt ironisch an:

 

"Mein großes Verbrechen ist, das ich zur Hälfte Jüdin und zur anderen Häfte eine Frau bin!"

 

Das Sprachliche, das Literarische, die Art des Erzählens und der große Lesespaß daran treibt mich durch diesen Roman. Sala und Otto könnten auch meine Eltern sein (Margret und Günter) oder meine Schwiegereltern (Helma und Edgar), Krieg ist das abscheulichste Außen, das mir als Individuum übergestülpt, aufgezwungen werden kann, im Großen wie im Kleinen. Kriegstreiber bleiben die größten Verbrecher auf Erden, perverse Einzelidioten beim Onanieren, Selbstbefriedigung kaputter Seelen und Köpfe, die eigentlich weggeschlossen gehören. Trotzdem empfehle ich Berkels Apfelbaum zu schütteln, zu lesen, lasst Euch nicht erschlagen von den dicken herabfallenden Obstbrocken, leidgeschwängert, kriegsverbrechenverfault, verzweiflungstriefend, sammelt die schönen, roten, süßen Früchte ein und geniesst die Sprache, die literarische Süße und Schönheit. Auch dieser Blick in die Vergangenheit schärft unsere Sicht für die Gegenwart und auf die Zukunft. 

 

"Am nächsten Tag war sie (Berkels Mutter Sala) tot. Es war ein Sonntag." (Letzter Satz)

(20) Zeit läuft runter und irgendwann ganz ab! (11.01.2021)

"In alten, alten Zeiten, als die Menschen noch in ganz anderen Sprachen redeten, gab es in den warmen Ländern schon große und prächtige Städte." (1. Satz)

 

Und in den Städten gab es Theater, besonders Freilichtbühnen, Amphitheater, und hier lebte Momo in einer Steinhöhle, ein kleines Mädchen, ganz allein, ohne Mama und Papa, es war ein Straßenkind mit der besonderen Gabe, gut zuhören zu können. Momo hatte einen pechschwarzen Lockenkopf und war klein und mager, trug Secondhandsachen, wild durcheinander gewürfelt.

 

"...dass Momo eben nichts besaß. als was sie irgendwo fand oder geschenkt bekam...was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: ZUHÖREN!"

 

Deshalb hatte sie auch ganz viele Freunde. Gil Fremdenführer und Beppo Straßenkehrer zum Beispiel. Und ihnen schenkte sie Aufmerksamkeit und ganz viel Zeit, Zeit war das Einzige, woran Momo reich war. Alle gingen gern zu Momo, ihre Gesellschaft tat allen gut. Die geflügelten Worte:

 

"Geh doch zu Momo..."

 

Alles war gut und schön, bis eines Tages die grauen Herren auftauchten von der "Zeit-Sparkasse". Die klauten allen die Zeit...ZEITDIEBE!!! Niemand hatte mehr Zeit, alle hasteten durch ihr Leben, das Lebensglück blieb auf der Strecke. Die kleine Momo, die Schildkröte Kassiopeia und Meister Hora müssen die Welt vor den Zeitdieben retten. 

 

Für mich ist diese Geschichte ein schönes, eindringliches Plädoyer für die Langsamkeit des Lebens. Entschleunige Dein Leben, so die Botschaft. Nimm Dir Zeit für Freundschaft, Gespräche, Begegnungen, Liebe. Schnecken- oder Schildkrötentempo statt Lichtgeschwindigkeit....Die Zeit ist ein kostbares Gut.

 

"Sie dachte  an die Stimmen der Sterne und an die Stunden-Blumen, und dann begann sie mit klarer Stimme zu singen." (Letzter Satz)

(19) Von Eisbolden, Glücksdrachen, einer Kindlichen Kaiserin, dem Alten vom wandernden Berge und natürlich dem "Büchernerd" Bastian Bathasar Bux...(03.01.2021)

"Antiquariat - Inhaber: Karl Konrad Koreander...diese Inschrift stand auf der Glastür des kleinen Ladens, aber so sah sie natürlich nur aus, wenn mann vom Inneren des dämmrigen Raumes durch die Scheibe auf die Straße hinausblickte." (1. Satz)

 

Bastian, der Büchernerd, stiebizt in einem günstigen Moment dem Buchhändler die Unendliche Geschichte, ein magisches Buch, das ihn schnell in seinen Bann zieht, mehr sogar, etwa nach 200 Seiten in der Mitte des phantastischen Romans tritt Bastian hinein und wird zum Romanhelden. Seine Mission: er muss Phantasien vor dem großen Nichts retten.

 

"Phantasien wird aus deinen Wünschen neu entstehen, mein Bastian..."

 

Das sagt die Kindliche Kaiserin, Mondenlicht so der neue Name, den das Menschenkind Bastian ihr zur Rettung des Landes geben musste. Der dicke, fahlgesichtige Büchernerd steigt auf zum schönen Prinzen aus dem Morgendland, erlangt Heldenstatus. Ich liebe dieses Wort: HELDENSTATUS. 

 

Ich freue mich, dass ich den Weg nach Phantasien auch im betagten Alter eines Jungsenioren noch einmal gefunden habe. Was gibt es Schöneres, als seiner Phantasie Flügel wachsen zu lassen. Lesen und Schreiben werden für mich eine unendliche Geschichte bleiben...

 

"Bastian Balthasar Bux", brummte Herr Koreander, "wenn ich mich nicht irre, dann wirst Du noch manch einem den Weg nach Phantasien zeigen, damit er uns das Wasser des Lebens bringt!" (Letzter Satz)

(18) Räubern will auch gelernt sein...(13.12.2020)

"In der Nacht, als Ronja geboren wurde, rollte der Donner über die Berge, ja, es war eine Gewitternacht, dass sich selbst Unholde, die im Mattiswald hausten, erschrocken in ihre Höhlen und Schlupfwinkel verkrochen." (1. Satz)

 

So ein Räuberleben ist spannend, aber alles andere als lustig, romatisch schon, aber das hängt mit der Liebe zusammen. Ronja Räubertochter und Räubersohn Birk schließen Freudschaft, obwohl sie aus verfeindeten Räuberlagern kommen: Ronjas Mattissippe und Birks Borkaclan. 

 

"Räuber waren sie allesamt seit Urzeiten gewesen und der Schrecken der ehrbaren Leute, die mit Pferd und Wagen voller Lasten durch die tiefen Wälder ziehen mussten, wo die Räuber hausten."

 

Der älteste von ihnen ist Glatzen-Per, so etwas Ähnliches wie ein Großvater für Ronja Räubertochter. Ihr Vater ist Mattis und die Mama heisst Lovis. Die größten Feinde der Räuber sind die Landsknechte des Fürsten, dem die Wälder gehören. Aber eingentlich gehören die Wälder den Räubern, insbesondere natürlich Ronja Räubertochter.

 

"Solange Ronja denken konnte, hatte die Mutter ihr zur Nacht das Wolfslied gesungen. Dann war Schlafenszeit, das wusste sie, und ehe sie die Augen schloss, dachte sie voller Freude: Morgen, da kann ich wieder aufstehen..."

 

...und in den Wald hinaus auf Entdeckungsgang. So einfach und schön kann Kinderglück sein. Wohl dem Kind da draußen in der Welt, das in einen Waldkindergarten gehen darf.  Wir haben früher auch Hütten gebaut in nahegelegenen Wäldern, fast nur draußen gespielt, aber hauptsächlich FUSSBALL! Damals wäre ich gern ein Räuberjunge gewesen, ich war Robin Hood mit Pfeil und Bogen und ein kleiner Räuberhäuptling...Birk Borka lässt mich grüßen. 

 

Natürlich gibt es ein paar Problemchen zu lösen, aber so eine Kanone von Romanheldin wie Ronja Räubertochter schafft das mit links. Da geht sie durch, wie durch die Jahreszeiten auch. Am schönsten ist der Frühling und der Sommer und der Herbst in so einem Räuberleben im tiefen, dunklen Walde. Mit dem Frühlingsschrei am Ende des Romans verabschiedet sich das taffe Mädchen von uns:

 

"Und sie schrie, gellend wie ein Vogel, es war ein Jubelschrei, den man weithin über den Wald hörte." (Letzter Satz)

(17) Mann und Frau wie Feuer und Wasser...(29.11.2020)

"Im ersten Augenblick des Tages, noch bevor ich weiß, ob es kalt oder warm wird, gut oder schlecht, sehe ich die Arava vor mir, die Wüste zwischen dem Toten Meer und Eilat, mit ihren blassen Staubsträuchern, krumm wie verlassene Zelte." (1. Satz)

 

Was treibt mich in die Wüste? Antwort: Mann und Frau, Udi und Na'ama mit Töchterchen Noga (10) nehmen mich mit auf eine abenteuerliche Reise, ich sperre mich selbst ein in diese außergewöhnliche Beziehungskiste, weil Na'ama so magisch erzählen kann. Sie schreibt sozusagen ohne Punkt und Komma, genauer, wörtliche Reden werden nicht als solche mit Anführungs- und Schlußstrichen markiert. 

 

...Udi, du musst dich anstrengen, konzentrier dich nur darauf, das musst du unbedingt, und er sagt, ich weiß, ich strenge mich ja an......

 

Am Anfang ist das gewöhnungsbedürftig, aber nach einigen Seiten nimmt man das Erzähltempo auf und dann geht die Post ab, man kann kaum noch aufhören, nein wirklich. Man liest sich durch diesen Roman wie durch Butter, aber auch weil ich alt genug bin für dieses Thema: Mann und Frau. Meine Lebensphilosophie kommt hier durch: du darfst nicht aufhören, zu kämpfen um Dein Lebensglück, auch um die Liebe Deines Lebens nicht. Denn die ist ein Geschenk des Himmels und eine Liebe ist auch ständig im Fluß.

 

"Ein süßes Gefühl steigt in mir auf, ich möchte mich in seinen Schmeicheleien ausstrecken und in seiner Liebe versinken, hier neben der Scheibe, die vom Frühlingswind gestreichelt wird, die Augen zu machen und darauf hoffen, dass alles gut wird."

 

Marcel Reich-Ranicki sprach auf dem Cover von einer Magie, die in diesem Roman am Werk ist, und Hanns-Josef Ortheil beschreibt seine Lesegier, ein Buch so nahrhaft, das ihn füttert. Und der Spiegel bemerkt die ungeheure Erzählkraft der Autorin...Wohl wahr, ales, jedes Wort.

 

Udi, Na'ama und Noga, ich glaube, die drei sind auch noch nicht am Ende angekommen. Shalev schreibt, eine liebende, gelingende, lebenslange Beziehung braucht Luft zum Atmen, Freiräume, man muss sich auch selbst und allein noch wohl fühlen dürfen. ICH + DU = WIR.

 

"...die Begierde des Körpers nach dem nächsten Atemzug...zu leben um zu atmen..."

 

Frei durchatmen zu können, davon hängt doch alles ab im Leben!

 

"Papa, sagt sie, mit fester Stimme, Du hast daran gedacht, ich habe es gewusst, dass du daran denken würdest." (Letzter Satz)

 

(16) Von der Leseratte zur Schreibmaus...(29.11.2020)

"Jetzt will ich eine Liebesgeschichte erzählen, keine, die ich gelesen oder mir ausgedacht, sondern nur eine, die ich gehört habe." (1. Satz)

 

Gemeint sind Samual August von Sevedstorp und Hanna in Hult, die ihre Eltern wurden...Das entschwundene Land ist ihre Kindheit und Jugend in der Obhut dieser Liebe, die ja auch nur glücklich werden konnte. Es gibt doch nichts Schöneres für Kinder als sich treu liebende Eltern. Ich darf mich outen: auch ich bin in diesen Genuss gekommen...

 

"Und wir spielten und spielten und spielten, so dass es das reine Wunder ist, dass wir uns nicht totgespielt haben."

 

Schnell kam eine neue Liebe für die junge Astrid mit ins Spiel: die Liebe zu Büchern. Sie entwickelte von Beginn ihrer Lesefähigkeit an einen unbändigen Lesehunger. 

 

"Dass es eine Zeit im Leben eines Menschen gibt, wo man mit solcher Inbrunst und Hingabe liest."

 

Am Ende des Buches fragt sich Astrid Lindgren, wo ihre Einfälle nur her kommen.

 

"Was ich hier auf Erden zustande gebracht habe, sind eine Menge Einfälle."

 

Und darauf kommt es letztlich auch an: auf das Vorstellungsvermögen und den Einfallsreichtum. Mögen uns die Ideen niemals ausgehen.

 

Wer denkt sich zum Beispiel all die Millionen Wörter aus? Pippi Langstrumpf würde antworten: "Wahrscheinlich ein Haufen alter Professoren..." Wir alle denken uns Wörter aus, die einen mehr, die anderen weniger. Wir Schreiberlinge sowieso...

 

"Bisweilen kommen einem die "Einfälle" genauso wirklich vor wie lebendige Menschen."

(Einer der vorletzten Sätze...)

(15) Eine Kindheit wie aus dem Lindgrenschen Bilderbuch...wenn doch nur alle Kinder so aufwachsen könnten, dann gäbe es mit Sicherheit nicht so viele durchgeknallte Erwachsene...(05.11.2020)

"In dem großen roten Haus unten am Fluß , da wohnt Madita." (1. Satz)

 

Zusammen mit Vati (Zeitungsredakteur), Mutti (Mutter und Hausfrau), Lisabeth (kleine Schwester), dem schwarzen Pudel Sasso, dem Kätzchen Gosan und Alva, dem Hausmädchen, lebt Madita (kommt gerade in die Schule) auf Birkenlund, so heisst das Anwesen ihrer Eltern. Dann gibt es noch die Nachbarn Nilsson auf Waldesruh und die Karlssons auf Apellkullen. Abbe Nilsson (ein paar Jahre älter als sie), den will Madita später mal heiraten. Auch sonst ist sie ziemlich verdreht, und das sehr oft, aber auf sehr sympathische Art. Madita hat Verstand und das Herz immer am rechten Fleck.

 

"...Madita wohnt auf Birkenlund, und ein schönes Fleckchen kann es gar nicht geben."

 

Und sie möchte das Leben in sich spüren - tut sie, immer und immer wieder, so wie Onkel Nilsson, Abbes Papa, der säuft und arbeitsscheu ist, aber trotzdem ein prima Kerl. Mit ihm und vielen anderen reist Madita durch die Jahreszeiten, langweilig wird es ihr und mir als Leser dabei nie. In diesem Kinderbuch geht es um Leben und Tod, also um alles, und das ist wichtig bei jeder Geschichte, besonders bei denen von Astrid Lindgren. Am Ende ist es wieder Frühling, und neues Leben spüren alle in sich....auch Maditas Mama.

 

"Frühlingsregen, schon dem Wort hört man an, welhce Wonne das ist, der Fühlingsregen kann gerne kommen....Und da setzt der Regen ein." (Letzte Sätze...)

(14) Wie ein blonder Knirps aus Schweden  Heldenstatus erlangt und Knirpsschweinchen adoptiert...(09.10.2020)

"Michel aus Lönnenberga hieß ein Junge, der in Lönneberga wohnte." (1. Satz)

 

Und dieser blond gelockte Bengel mit den blauen Augen und der "Müsse" auf dem Kopf hat nur Unfug darin. So wird ihm und uns und allen niemals langweilig. Ich lese eine Jubiläumsausgabe aus dem Jahre 2008, anläßlich des 100. Geburtstages von Astrid Lindgren im Bertelsmannclub erschienen. Erstmals veröffentlicht wurde Michel aus Lönnenberga 1963.  Dieser Band enthält wunderschöne Illustrationen des schwedischen Malers und Zeichners Björn Berg, nicht zu verwechseln mit Björn Borg, einem der größten gelben Filzballkünstler aller Zeiten (Tennisstar). Aber Björn Berg ist jetzt für mich auch ein Star!!! Fast auf jeder Seite illustrieren zauberhafte Zeichnungen das chaotische Handlungsgeschehen des doch sehr eigenwilligen Jungen vom Bauernhof der Familie Petersen auf Kattult in Lönneberga. Was für eine schöne Ausgabe habe ich hier erwischt!!! Da macht das Lesen doppelt Spaß!

 

"Die Hauptsache war, dass Michel seinen Willen bekam, damit nahm er es genau."

 

Und deshalb nehme ich es auch so genau mit diesem starken Typen von Jungen. Ich erlebe Michel aus Lönneberga, wie er leibt und lebt und Unfug macht zu jeder Tages- und Nachtzeit, zu jeder Jahreszeit auf dem Lande in den Nähe von Vimmerby in Schweden im Kreise seiner Liebsten: Mama, Papa, Schwester Klein-Ida, die Magd Lina und der Knecht Alfred sowie die "Hexe" Krösa-Maja, das Pferd Lukas, die Henne Hinke-Lotta und das sogenannte Knirpsschweinchen. 

 

"Kattult war schön, wie es so dalag im Sonnenschein, zwischen Apfelbäumen und Flieder."

 

Astrid Lindgren mischt mit Michel aus Lönnenberga genau wie mit Karlsson vom Dache, Prinz Mio und Pippi Langstrumpf die Welt der Erwachsenen richtig auf und stärkt den Kindern dieser Welt den Rücken auf ihre so mitfühlende, zu tiefst menschliche Art. 

Was der alles auf die Beine stellt und ausheckt!!!! Inspiration pur für jeden Leser ob klein oder groß...

 

"Michel war nie um einen Ausweg verlegen!"

 

Seine Auswege führten Michels Weg stets und geradewegs in den "Tichlerschuppenarrest", wo er Hunderte von Holzmännchen schnitzte, zur Besinnung kommen sollte, aber meistens doch nur wieder über neue "Auswege" nachsinnte mit Hilfe seiner kreativen Kinderdenke. Eigentlich logisch alles!, was Kinder so denken aus Kindersicht! Ich komme zu dem Schluß: Auch Michel aus Lönneberga ist ein großes Leseerlebnis für Kinder UND Erwachsene. Wer seine Kinder stark machen will, gebe ihnen Astrid Lindgren Bücher zu lesen, noch besser:  lese ihnen daraus vor oder lebe ihre inneren Werte einfach nach.

 

Ich möchte ja nicht zu viel verraten, lieber zum Selberlesen animieren, aber  am Ende erlangt Michel aus Lönnenberga sogar noch Heldenstatus, wie seine Holzmännchen aus dem Tischlerschuppen: aus diesem Michelholz werden Helden geschnitzt...!

 

"Der Arzt nahm Michel den Lukas und das Knirpsschweinchen nicht weg, da brauchst Du keine Angst zu haben!"

(13) Ti amo, italiano...Amore, Amore!!! (26.09.2020)

"Großartig", sagte Jan. "Dann heiraten wir sofort." (1. Satz)

 

Vorher begibt sich Kati mit Ihrer Freundin Eva aber noch  auf eine, nennen wir es einfach Jungesellinenabschiedsreise nach Italien. Auch für mich ist es die erste Italienreise meines Lebens, bin eher frankreichaffin. Und ich muss gestehen: sie ist sehr kurzweilig! Italien hat was, löst Gefühlkoller, Hormonexplosionen aus,  Ich habe immer gedacht, Astrid Lindgren habe nur Kindergeschichten geschrieben, aber sie kann auch Liebe, und wie. Also, junge, zarte  Liebe, frisch verliebt und voll bester Hoffnung. Kati und Eva sind gerade mal knapp über zwanzig, hübsch, nicht dumm und dick befreundet. Dumme Frauen und Astrid Lindgren, das ginge auch nicht zusammen. Es geht den beiden auch darum, auf eigegen Füßen zu stehen. Kati hat bei Jan ein Jahr Bedenkzeit für seinen Heiratsantrag ausgehandelt...

 

"In einem Jahr kann viel geschehen."

 

Genau...Besonders in Rom, Mailand, Venedig und unter südlicher Sonne, Sandstrand und türkisfarbenem Meer. Während Eva der Meinung ist, EIN Mann sei KEIN Mann, verliebt sich Kati unsterblich in Lennart: Der oder keiner, und die Frage, die über allem schwebt: Kriegt sie ihn oder kriegt sie ihn nicht? Das Tal der Tränen scheint lang, Freudentränen oder Liebesschmerz, Astrid Lindgren schafft es meisterhaft, den Spannungsbogen auf Zug zu halten. Überhaupt ist es die zu tiefst menschliche Ader und Sprache der Autorin, die dieses Stück Literatur zu einem großen Leseerlebnis machen.

 

"PS. Weißt Du was? Ich liebe Dich!" (Letzter Satz)

(12) Deutsch-Französische Freundschaft zum Dahinschmelzen...(13.09.20)

Es ist immer wieder wie ein Wunder, dass mich bestimmte Bücher finden und mir so großen Lesespaß bereiten. Zufall? Glück? Meine Büchervernarrtheit? Auf jeden Fall gilt: wer nicht suchet der auch nicht findet. Buch und Autor waren ein halbes Jahrhundert verschollen, 1995 erst wieder ausgegraben, ein junger, französischer Werther unterwegs in "DEUTSCHLAND", aber Galaxien davon entfernt, an der Liebe zu zerbrechen. Lest diesen Roman, er ist ein Geschenk des Bücherhimmels...!!!

(11) Ein großer Geist über den Dächern von Stockholm (25.08.2020)

"Das stört keinen großen Geist." 

(Wichtigster Satz zuerst)

 

Karlsson heisst mit Vornamen Karlsson und mit Nachnamen auch, also Karlsson Karlsson. Er ist ein grundgescheites, gerade richtig dickes Kerlchen in seinen besten Jahren, mit Propellerantrieb, denn er kann  ganz allein fliegen. Muss man ja können, wenn man auf dem Dach über den Dächern von Stockholm wohnt. Und zwar über der Wohnung von seinem Freund Lillebror Svantesson, acht Jahre alt. Er ist auch der einzige, der bei Karlsson mitfliegen darf.  Auf dem Dach zu leben, ist auf jeden Fall eine interessante Perspektive, aus der Karlson aufs Leben schaut. 

 

 

"Mehrere Kilometer Dach, auf denen man herumgehen und so viele Streiche machen kann, wie man will." 

 

Karlsson ist ein kreativer Kopf, der sich immer wieder neue Streiche ausdenkt und die Erwachsenen damit piesackt. Er hat den Schalk im Nacken und "schabernackt" den ganzen Tag. Und wenn Inspiration über ihn kommt, muss gehandelt werden. Und es geht meistens nach seinem Kopf, wenn nicht, macht er erst gar nicht mit. Echt kluger Kopf, dieser Karlsson vom Dach.

 

"Sie können ja nicht alle ein Haus auf dem Dach haben. Sie können ja nicht alle der beste Karlsson auf dem Dach sein."  (Mein letzter Satz)

 

(10) Los, allemann Steine aufs Küchenbord (18.08.2020)

(9) Der Zsuza-Bank-Sound ist einfach 'ne Bank! (23.07.20)

"Liebste Johanna, heute Morgen hat Simon beim ersten frühen, viel zu frühen Kaffee gesagt, wäre er zehn Jahre jünger und hätte drei Kinder weniger, hätte er mich schon verlassen." (1. Satz)

 

Das schreibt Marta ihrer besten Freundin Johanna im März 2009, es ist der Beginn eines Email-Briefromans und zeigt sofort das Dilemma auf, in dem die Romanheldin steckt: Kinder und Ehemann sind schwer mit ihrer Berufung als Schriftstellerin (gar Lyrikerin) vereinbar. Es bleibt ihr zu wenig Zeit zum Schreiben und meistens auch zum Schlafen.

Schlafen scheint Luxus zu sein, muss auf später verschoben werden.  Dazu die ewigen Geldnöte des Freiberuflers, auch Ihr Mann ist freischaffender Künstler (am Theater), sie wissen nie was rein kommt, wohl aber was rausgeht jeden Monat. Marta leidet von den ersten Seiten an, sie fragt Johanna:

 

"...wie soll ich noch einmal zweiundvierzig Jahre durchhalten?"

 

Ich leide mit, erfreue mich aber Seite für Seite an dem "Zsuzsa-Bank-Sound", an der poetischen, kreativen Schreibe, die so ergiebig ist. Thematisch ein Blues, literarisch ein Schreibkunstgenuss, fast 700 Seiten lang, und täglich versinke ich in einem Meer aus Wörtern und schönen Sätzen und gebe die Hoffnung nicht auf, dass Marta Horvath nicht ertrinkt in ihrem kräftezehrenden Alltag. Etwas über die Hälfte (400 Seiten) haben wir geschafft.

 

"Den abgerissenen Faden nach Tagen und Wochen aufnehmen, im Kampf gegen heftige Schübe von Mattigkeit, ist fast unmöglich - aber schlafen werden wir später einmal, wenn wir tot sind vielleicht."

 

Marta und Johanna leben, und wie! Mit allen Hochs und Tiefs, die so ein Menschenleben zu bieten hat. Tausende von schönen Sätzen und Wörtern, die ich markiert habe und auf die ich nach Lust und Laune und Bedarf zurückgreifen werde. Von Zsuzsa Bánks Schreibe kann ich nicht genug bekommen. Ich will mehr von ihr lesen, mehr, mehr...alles!

 

"Schlaf gut, meine Schönste, aber erst später, nicht jetzt." (Letzter Satz)

 

(8) Dieser Roman trägt durch ein  ganzes Leseleben. (02.07.20)

"In meiner frühsten Erinnerung ist mein Großvater kahl wie ein Stein und nimmt mich mit zu den Tigern." (1. Satz)

 

Die Enkelin Natalie, eine angehende Medizinerin, erzählt die Geschichte von ihrem geliebten Großvater, der selbst auch Arzt/Chirurg im ehemaligen Jugoslawien gewesen ist und eine ganz besondere Beziehung zur Tigerfrau und zu Tigern hatte. 

Man ist schnell drin in dieser verrückten Geschichte, es ist, als sei ich dabei, wie Natalie und ihre Freundin, ebenfalls Medizinstudentin, im Waisenkaus von Brejevina an der kroatischen Küste im Auftrag ihrer Universität  Medikamente und Imstoffe verteilen. Der Balkankrieg hat viele  Kinder zu Waisen gemacht. Ich bin dabei, wie Natalie am Telefon erfährt, dass ihr geliebter Großvater verstorben sei. Und da kommen Natalie nicht nur die Tränen sondern alle Erinnerungen  an ihren Großvater und die vielen Geschichten aus seinem Leben hoch. Und diese Geschichten haben es in sich, das kann ich bezeugen, und alle haben mehr oder weniger mit der Tigerfrau zu tun. Und als ich von dieser Lesereise im Balkan zurück komme, nehme ich mir das Buch zur Hand und lese diese unglaubliche Geschichte eigenhändig nochmal nach, ich kann noch nicht von ihr lassen...

 

"Alles liegt tot in der Erinnerung, mit Ausnahme der Tigerfrau, nach der er des Nachts manchmal ruft, in jenem Ton, der fällt und  fällt, es ist ein einsames, leises Geräusch, und niemand kann es mehr hören." (Letzter Satz)

(7) Geerdet leben...was für eine  fabelhafte Geschichte...(21.06.2020)

"Sarah, die auf dem Weg zu ihrem Vater und dem großen Pferd war, kam langsam durch die dürre Heide und flimmernde Hitze den Hügel herauf."

(1. Satz)

 

Sarah ist ein aufgewecktes Mädchen, das mit Vater AESA und Mutter ADA und später auch mit Urgroßmutter LILLY auf einem Bauernhof weit draußen in einer öden Tafelbergelandschaft ein naturnahes Leben führt. WASSER ist ihr kostbarstes Gut, vom Regen hängt das Überleben aller ab, auch der Mitmenschen im nahen Dorf ("Laubenkleinstadt") HENDERSWIL.

 

"Noch nie war so vieles an Regenmangel gestorben." (Seite 8)

 

Sarah hat ein besonderes Mitgefühl für die Natur sprich auch für Pflanzen und Tiere ein Herz und einen tiefen Glauben an das Gute in den Menschen. Eines Tages, als sie ihrem Vater Essen und Trinken auf den Acker bringt, findet sie den "WÖRTERSTEIN", eine alte Grabsteinplatte, die von uralten Zeiten erzählt und den Stein dieser Geschichte ins Rollen bringt. Sarahs phantasievollen Worte zum WÖRTERSTEIN:

 

"Dieses harte Kissen gehört einer sehr alten Frau, die von abends bis morgens durch die Lüfte fliegt und von morgens bis abends in der Erde schläft." (Seite 18)

 

Als Sarah in HENDERSWIL beim Einkauf mit ihren Eltern einen kleinen Fuchs aus den brutalen Händen spielender Kinder rettet, scheinbar durch bloßes Handauflegen, macht die Schamanin des Dorfes (die ECHSENFRAU) das Mädchen zum "DÄMONKIND". Der ("WUSCHELSCHALK") Aberglaube treibt Sarah fortan als Sau durchs Dorf bzw. durch diese Geschichte, märchengleich, fabelhaft, Tiere und Pfanzen melden sich zu Wort. Am Ende wird wie in allen Märchen alles gut und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage...

 

"Sie webt eine Geschichte, die unter all deinen Gedanken und Träumen verborgen liegt", sagt Sarah. (Letzter Satz)

(6) R. Villazons "Kunststücke" sind literarisch sehr ergiebig...(12.06.2020)

Ich habe die "Kunststücke" zweimal gelesen...ein gutes Zeichen dafür, wie ergiebig ein Stück Literatur sein kann. Rolando Villazon kenne ich als berühmten klassischen Opernsänger und aus Talkshows, wo er mir durch sein Temperament und durch seine positive Ausstrahlung aufgefallen ist. Dies ist sein erster Roman und dann gleich so ein Knaller, Sprachgewalt und doch so voller Poesie. Es gehört in meine Kategorie: leise und weise, Inspirations- und Energiequelle pur...Einfach nur schön zu lesen...

(5) Intime Einblicke in meine Welt der Bücher (22.05.20)

John Dunnings Geheimnis des Buchhändlers Cliff Janeway segelt aus meiner aktuellen Bücherkladde direkt zu Euch. Ich liebe es, handschriftlich zu schreiben und das Cover eigenhändig abzumalen. Immer wieder abtauchen in kreativen Müßiggang und Kraft schöpfen. Ich wünsche jedem, dass er auch so eine ähnliche Kraftquelle in seinem Leben hat. 

(4) Das Küstengrab auf Poel ist eine Reise wert. (23.04.2020)

Ich bin gerade zurück, war eine Woche auf der Ostseeinsel Poel, zu Besuch bei Eric Berg, habe mir sein "Küstengrab" angeschaut. Ich kenne die Insel gut, wir urlauben dort seit einigen Jahren. Reise-Sondergenehmigung in Zeiten der Corona, im Kopf darf ich Gott sei Dank noch hinfahren, wo ich will. Das Küstengrab befindet sich in Kaltenhusen, einem klitzekleinen Dörfchen in der Nähe des Küstenwaldes. Dort führt ein Weg durch am Rande der Steilküste, und im Küstengrab liegt Julian, vor mehr als zwanzig Jahren dort verbuddelt, er wusste zu viel und wollte singen bei der Polizei. Bei illegalen Bauarbeiten kam Julian und alles andere zu der Geschichte dahinter wieder hoch. Ich muss sagen, ich hatte spannende Tage auf Poel, bin bei Lea im Auto mitgefahren, lauter Inselrundfahrten, sie gehörte zu der Jugendclique damals, Julian war ihre große Liebe, das kann man von vielen anderen nicht behaupten. Was habe ich gelitten und mitgefiebert, am Ende nehme ich das mit nach Salzkotten zurück: Vergangenheit und Wahrheit holt dich letztlich immer wieder ein. Wenn mich Eric Berg wieder einlädt, schaue ich mir bestimmt auch seine Schattenbucht in Ahrenshoop mal genauer an. Auf gute Lesereisezeiten allerseits...

(3) Hören wir das Blut rauschen in Salzkotten (08.04.20)

"Er kann nicht begreifen, warum Menschen kein Blut sehen können; er kann Blut sehen, er liebt es geradezu, er kann sich daran berauschen, wenn frisches, noch warmes Blut aus sterbenden Körpern tritt." (1. Satz)

 

ER ist so ein komischer Kautz aus dem Ortsteil Thüle, dem Golddorf. Goldig ist Johann alias Alexander Bornemann überhaupt nicht, eher so ein naiver Naturbursche, ein Malocher vor dem Herrn, seinem Herrn, dem Baron von Böddecken zu Böddecken am Ringelstein. Für den bewirtschaftet der hochgradig nachtaktive Einzelgänger dessen Jagdgebiet in den Hederauen. Und da beginnt auch der BLUTRAUSCH von Salzkotten, und Johann mittendrin dabei...

 

"Urplötzlich fällt eine dunkle, kräftige Gestalt über sie her, eine schwertähnliche Waffe schwingend, alles, was Johann dann mit ansieht,geschieht blitzschnell: die Frau geht zu Boden, etwas plumpst ins Wasser, die Gestalt verflüchtigt sich wieder, zurück bleibt eine Totenstille."

 

Dieses ist der erste Streich, und es folgen weitere, der BLUTRAUSCH halt, und das vor unserer aller Haustür. Was ist los in Salzkotten? Finden Sie es einfach heraus, ich kann Ihnen versprechen: Dem Bösen so nahe, das fesselt vom ersten bis zum letzten Satz.

 

"Der BLUTRAUSCH nach dem Hederuenfest in Salzkotten 2017 war zwar nun beendet, längst aber noch nicht verdaut, vergessen wurde er nie." (Letzter Satz)

 

(2) Gott ist Liebe und mit Sicherheit nicht katholisch! (01.04.2020)

"...es ist eine spannende Geschichte, nicht mehr so zu leben, als ob Gott gar nicht existierte." (einer der ersten Sätze...)

 

Ich glaube, dass niemand ohne Gott leben kann, man kann wohl und gut ohne Religion leben, ich finde, Religion und Gott sind zwei verschiedene Sachen. Peter Seewald tritt als junger Mensch aus der katholischen Kirche aus, als Senior wieder ein, ich werde als Katholik elterlicherseits geboren, durchlaufe eine katholische Erziehung, von Anfang an nie wirklich interessiert, eher genervt und abgestoßen. Ich musste erst sechzig Jahre alt werden, bis ich den Schritt setzte, aus der katholischen Kirche auszutreten. Das hat nichts mit Jesus Christus und/oder meiner Gottgläubigkeit zu tun. Die christliche Botschaft ist und bleibt groß und Richtschnur für jeden zivilisierten Menschen auf dieser Welt.

 

"Freiheit, Liebe, Heilung. Das war alles. Hört auf mit Ausgrenzung und Unterdrückung, besagt dieses umfassende Programm. Hört auf damit, den Armen, den Lahmen, den Sündern den Zutritt zu den Tempeln und zum Reich Gottes zu verwehren. Hört auf mit Unterscheidung in Bessere und Schechtere, in Gelehrte und Arme im Geiste....und haltet Euch an die Gebote Gottes."

 

Was machen die Religionen unserer Welt aus der Christlichen Botschaft? Mord- und Totschlag, Mißbrauch und Kult um Machterhalt und Machtausübung. Meiner Meinung nach machen Religionen mehr kaputt als dass die heilen und helfen.

 

Kommen wir zum Verständnis meines Gottbegriffes. Ich sehe Gott nicht irgendwo da oben im Himmel über mir schweben und auf mich warten, ein Leben nach dem Tode ist bestensfalls eine schöne Geschichte, für die ich mich erwärmen könnte. Gott ist für mich Liebe, alles was mit einer positiven Ausrichtung zum Leben zu tun hat, Liebe zum Leben, zu anderen Menschen, zu anderen Mitgeschöpfen, zur Natur, Kreativität, Kunst, Schönheit, Klarheit. Jeder Einzelne trägt diesen Gott der Liebe in sich, es geht einzig und allein darum, ihn zu Lebzeiten am Leben zu halten. Gott ist die Fähigkeit bedingungslos lieben zu können. Gott ist Sehnsucht, Neugier, Hoffnung, das Geheimnis des Lebens, die Welt zu entdecken. Um diesen Gott in mir auszuleben, brauche ich keine Kirche, keine Priester, niemanden, der mir sagen und vorschreiben will, wie ich zu leben habe. Nur mit diesem vor Licht, Wärme und Liebe von innen strahlenden Gott macht mein Leben Sinn.

 

"Ich war noch einmal im Wasser, ich holte ganz tief Luft und tauchte, und dann schwamm ich in weiten Zügen hinaus aufs Meer." (Letzter Satz)

(1) Ich will das Glück herausfordern...(22.03.2020)

"Das Ministerium des äußersten Glücks" ist nach über 20 Jahren der neue Roman von Arundhati Roy, die den "Gott der kleinen Dinge" beschrieben hat.  Darin wird auf poetische Weise davon erzählt, dass nicht nur große, bedeutende Ereignisse zählen. Schon die kleinsten Dinge können das Leben bereits verändern.

2017 erschienen, ich bin noch mittendrin dabei, ein dicker Wälzer von über 500 Seiten, eng beschrieben, , ein starkes Stück Literatur. In was für eine verrückte Welt bin ich da wieder geraten: INDIEN wie es leibt und lebt und liebt und hasst und nicht so recht weiß, was es letztlich glauben soll. (Aber) Glaube ist in den Köpfen der Inder noch viel zu präsent. 

 

"Sie lebte auf dem Friedhof wie ein Baum." (1. Satz)

 

Sie ist AMRUM, war AFTAB, ein Junge, ein Zwittergeschöpf, ein männlicher Körper, in dem eine Frau wohnt, und in der indischen Metropole Dehli. Sie lebt in einer WG unter ihresgleichen (HIJRA). Das Wort "HIJRA" bedeutet auf indisch einen Körper, in dem eine heilige Seele wohnt...

 

Dieses Buch ist mehr LeseARBEIT als LeseSPAß, aber literarisch wertvoll und ergiebig, sonst hätte ich es nicht zu Ende gelesen. Darin eine fremde Welt mit fremden Namen und Ausdrücken, somit aber auf jeden Fall eine geistige Horizonterweiterung. Indien finde ich chaotisch und unberechenbar, es macht mir Angst, aber auch neugierig. Ich finde INDIEN zu gläubig (zu abergläubig), zu gewaltätig, zu sexistisch und unmenschlich, zu reaktionär, zu unzivilisiert, zu unaufgeklärt! Nach Rushdie und Roy habe ich erstmal genug von INDIEN!

 

"Aber sogar er wusste, dass letztlich alles gut werden würde. Es würde, weil es musste!"

(Letzter Satz)

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© Autor Wolfgang Pache